Zinseszins verstehen: Warum die zweite Hälfte der Laufzeit entscheidet

Der Zinseszins gehört zu den Begriffen, die jeder kennt und wenige richtig einschätzen. Die Vorstellung ist meist linear: Etwas wächst gleichmäßig über die Zeit. Tatsächlich passiert am Anfang fast nichts und am Ende sehr viel, und aus dieser Verteilung folgt alles Weitere.

Warum der Verlauf so ungleich ist

Verzinst wird nicht nur der eingezahlte Betrag, sondern auch das, was bereits an Ertrag entstanden ist. Bei Aktien geschieht das etwa, wenn ausgeschüttete Dividenden wieder angelegt werden. Diese Basis wächst mit jedem Jahr, und mit ihr der absolute Zuwachs. Am Anfang ist die Basis klein, also ist auch der Zuwachs klein.

Daraus folgt der wichtigste praktische Schluss: Die letzten Jahre einer langen Laufzeit tragen den größten Teil des Ergebnisses. Ein Abbruch kurz vor Schluss kostet deshalb den größten Teil des Ergebnisses.

Die Verdopplungsfaustregel

Eine verbreitete Abschätzung teilt die Zahl zweiundsiebzig durch den Zinssatz in Prozent und erhält näherungsweise die Zahl der Jahre bis zur Verdopplung. Bei drei Prozent sind das etwa vierundzwanzig Jahre, bei sechs Prozent etwa zwölf.

Die Regel ist eine Näherung und für den Überschlag brauchbar. Sie zeigt vor allem, wie stark kleine Unterschiede im Zinssatz über lange Zeiträume wirken. Durchrechnen lassen sich solche Szenarien mit einem Rechner für Rendite, Zinsen und Krypto-Kurse.

Wo der Zuwachs entstehtVerteilung des Wertzuwachses über vier gleich lange Abschnitte einer langenLaufzeitErstes Viertelkaum sichtbarZweites Viertellangsam erkennbarDrittes Vierteldeutlich spürbarLetztes Viertelder größte TeilSchematische Darstellung des exponentiellen Verlaufs, keine Renditeangabeelimbo.de
Verteilung des Zuwachses über die Laufzeit

Kosten wirken in dieselbe Richtung

Was für Erträge gilt, gilt für Kosten. Eine jährliche Gebühr von einem Prozentpunkt wirkt über dreißig Jahre deutlich stärker, als die bloße Summe der Abzüge vermuten lässt. Der Grund: Das abgezogene Geld wird nie wieder mitverzinst. Wie sich hohe Kosten bei Finanzprodukten vermeiden lassen, erklärt die Verbraucherzentrale.

Deshalb ist die Gesamtkostenquote bei langfristiger Anlage die wichtigste einzelne Zahl. Sie steht fest, während jede Renditeangabe eine Annahme bleibt.

Inflation gehört in die Rechnung

Eine Verdopplung des Betrags bedeutet nicht eine Verdopplung der Kaufkraft. Entscheidend ist die reale Verzinsung, also der Ertrag nach Abzug der Geldentwertung. In Phasen mit hoher Inflation kann eine nominal positive Verzinsung real negativ sein.

Wer langfristig plant, sollte deshalb mit realen Größen rechnen. Das ergibt kleinere, aber ehrlichere Zahlen.

Regelmäßig einzahlen verändert das Bild

Bei einem Sparplan verzinsen sich viele Beträge mit jeweils eigener Laufzeit. Die frühen Raten arbeiten am längsten und tragen entsprechend mehr bei. Deshalb wirkt eine Erhöhung der Rate in jungen Jahren stärker als später.

Gleichzeitig glättet die regelmäßige Einzahlung Schwankungen, weil zu unterschiedlichen Kursen gekauft wird. Das ersetzt keine Strategie, nimmt aber den Druck, den richtigen Zeitpunkt zu finden.

Auch Schulden verzinsen sich

Der Mechanismus wirkt in beide Richtungen. Bei Dispositionskrediten und offenen Kartensalden entsteht derselbe Effekt zu Lasten der Schuldnerin, und zwar bei Zinssätzen, die deutlich über üblichen Anlagerenditen liegen. Auch beim Kauf auf Raten lohnt deshalb ein genauer Blick auf den effektiven Jahreszins.

Deshalb ist die Tilgung teurer Schulden praktisch immer die beste verfügbare Anlage, weil der eingesparte Zins sicher ist, während jede Rendite unsicher bleibt.

Was daraus praktisch folgt

Früh beginnen, lange durchhalten, Kosten klein halten, teure Schulden zuerst tilgen und in realen Größen rechnen. Diese fünf Punkte ergeben sich direkt aus der Mathematik. Eine Meinung über Märkte braucht es dafür nicht.

Alles Weitere, also die Auswahl konkreter Anlagen, ist eine Frage der persönlichen Situation und gehört in eine Beratung.

Häufige Fragen

Warum wächst Kapital beim Zinseszins nicht gleichmäßig?

Weil auch die bereits entstandenen Erträge mitverzinst werden. Die Basis wächst mit der Zeit, und damit der absolute Zuwachs. Der größte Teil entsteht deshalb in den späten Jahren.

Was besagt die Regel mit der Zahl zweiundsiebzig?

Teilt man zweiundsiebzig durch den Zinssatz in Prozent, ergibt sich näherungsweise die Zahl der Jahre bis zur Verdopplung. Es ist eine Überschlagsrechnung, kein exaktes Verfahren.

Warum wirken laufende Kosten so stark?

Weil abgezogenes Geld nicht mehr mitverzinst wird. Über lange Laufzeiten entsteht daraus ein Verlust, der deutlich größer ist als die Summe der einzelnen Gebühren.