KiCad 10 ist da: Die 7 wichtigsten Neuerungen im Überblick

Ingenieur am Doppelmonitor-Arbeitsplatz mit PCB-Routing, KiCad 10 im Einsatz

Hunderte behobene Fehler, ein komplett überarbeitetes Tuning-System und erstmals Funktionen, die bisher Profi-Software vorbehalten waren: Das im März 2026 erschienene KiCad 10 gehört zu den größten Releases in der Geschichte der freien EDA-Suite. Und es kommt zur richtigen Zeit, denn seit dem EAGLE-Aus im Juni ist KiCad für viele Umsteiger die neue Heimat. Wir haben uns das Release im Detail angesehen, das sind die sieben Neuerungen, die im Alltag wirklich etwas ändern.

1. Zeitbereichs-Tuning: High-Speed-Design wird erwachsen

Die größte Baustelle des Releases war das Track-Tuning. KiCad 10 rechnet Leitungslängen jetzt in den Zeitbereich um: Statt Millimeter abzugleichen, tunest du Signallaufzeiten, mit Tuning-Profilen, die Ausbreitungsgeschwindigkeiten pro Lage berücksichtigen. Für DDR-Speicher-Routing und schnelle differenzielle Paare ist das der Unterschied zwischen Raten und Rechnen. Bei kommerziellen Werkzeugen kostet diese Funktionsklasse oft vierstellige Beträge pro Jahr.

2. Design-Varianten: eine Platine, mehrere Bestückungen

Der Dauerbrenner aus den Feature-Wünschen: Varianten. Ein Projekt kann jetzt mehrere Ausprägungen desselben Schaltplans verwalten, etwa eine Standard- und eine Kostenoptimiert-Bestückung oder Regionen-Varianten mit unterschiedlichen Funkmodulen. Bauteile lassen sich pro Variante als bestückt oder unbestückt markieren, mit eigener Stückliste je Variante. Wer bisher mit kopierten Projektordnern jonglierte, spart sich ab sofort das Chaos, gerade in Kombination mit der Bestellung beim Fertiger samt Bestückung.

3. Neue Importer: Allegro, PADS und gEDA

KiCad 10 öffnet jetzt auch Designs aus Cadence Allegro, PADS und gEDA/Lepton. Nach dem EAGLE- und Altium-Import der Vorversionen fällt damit die nächste Wechselhürde: Kaum ein verbreitetes Format bleibt draußen. Das Muster dahinter ist strategisch klug, jede Import-Schnittstelle ist eine offene Tür für Umsteiger, und die Community wächst mit jeder Tür. Wie gut das beim EAGLE-Import funktioniert, dokumentiert unser Migrationsguide.

4. Schaltplan-Komfort: Hop-Over, Gruppen, Live-Junctions

Drei kleine Änderungen mit großem Alltagseffekt im Schaltplan-Editor:

5. Dark Mode und Bedien-Feinschliff

KiCad folgt unter Windows jetzt dem System-Farbschema, der lange vermisste Dark Mode ist da. Dazu kommen Lasso-Auswahl in Schaltplan- und PCB-Editor, rückgängig machbare Änderungen innerhalb von Dialogen und Drag-and-drop für Bilder. Einzeln unspektakulär, zusammen der Grund, warum sich Version 10 deutlich moderner anfühlt als ihre Vorgänger.

6. Bibliotheksarbeit: Pin-Tabellen als CSV

Wer eigene Symbole für Bauteile mit hunderten Pins anlegt (FPGAs, Mikrocontroller, Steckverbinder), bekommt das nützlichste unscheinbare Feature des Releases: Pin-Tabellen lassen sich als CSV exportieren und importieren. Die Pin-Liste aus dem Datenblatt in der Tabellenkalkulation aufbereiten, importieren, fertig, was früher ein Nachmittag Klickarbeit war, dauert jetzt Minuten.

7. Der Rest: hunderte Detailverbesserungen

Wie bei jedem Major-Release steckt viel Substanz unter der Haube: lokale Power-Symbole, alternative Symbol-Darstellungen, bessere Simulator-Plots und massenhaft Performance-Arbeit. Die vollständige Liste führt der offizielle Release-Beitrag des KiCad-Projekts auf, lesenswert allein wegen der schieren Menge an Community-Beiträgen, die dort verzeichnet sind.

Zwei Platinen mit unterschiedlicher Bestückung, Sinnbild der neuen KiCad-10-Design-Varianten

Kurzer Einschub: Warum KiCad so schnell besser wird

Wer sich wundert, in welchem Tempo die freie Suite Funktionen nachlegt: KiCad ist kein Hobby-Projekt mehr, sondern ein professionell organisiertes Open-Source-Vorhaben. Hinter der Entwicklung stehen ein festes Entwicklerteam, Spenden über die Linux Foundation und namhafte Sponsoren, das CERN steuert seit Jahren Code aus dem eigenen Hardware-Bereich bei. Dazu kommt der Netzwerkeffekt der letzten Jahre: Mit jeder Migrationswelle, zuletzt der von EAGLE, wachsen Community, Fehlerberichte und Beiträge. Das Ergebnis ist ein Release-Rhythmus mit einer Major-Version pro Jahr, verlässlich genug, dass auch Firmen ihre Werkzeugketten darauf aufbauen.

Infografik: Die 7 wichtigsten Neuerungen in KiCad 10 im Überblick

Lohnt sich das Upgrade?

Kurze Antwort: ja, und zwar für praktisch alle Nutzergruppen der Suite. Die längere Antwort hängt vom Profil ab:

Nutzertyp Upgrade-Nutzen
Einsteiger Moderne Oberfläche, Dark Mode, lesbarere Schaltpläne, ideal zum Start mit unserem KiCad-Tutorial
EAGLE-Umsteiger Ausgereifter Import, Varianten ersetzen ULP-Bastellösungen
Fortgeschrittene Zeitbereichs-Tuning und Varianten sind allein das Update wert
Profis/Teams Allegro/PADS-Import öffnet Alt-Bestände, CSV-Pin-Tabellen beschleunigen Bibliothekspflege

Beim Update gilt die übliche Vorsicht: Projekte, die einmal in Version 10 gespeichert wurden, lassen sich nicht verlustfrei in Version 9 zurückführen. Erst Backups anlegen, dann migrieren, bei laufenden Projekten am besten nach dem nächsten Meilenstein. Punktuelle Nacharbeit an Bibliotheks-Verknüpfungen ist normal, danach läuft die Suite erfahrungsgemäß rund.

Drei Schritte für den Umstieg heute

  1. Backup: Projektordner und eigene Bibliotheken sichern, das dauert fünf Minuten und nimmt dem Update jedes Risiko.
  2. Installieren und importieren: KiCad 10 von kicad.org laden, ein abgeschlossenes Projekt öffnen und die neuen Funktionen an echtem Material testen.
  3. Neues lernen: Varianten und Tuning-Profile einmal bewusst durchspielen, die halbe Stunde Einarbeitung zahlt sich beim nächsten Projekt aus.

KiCad 10 markiert den Punkt, an dem die freie EDA-Suite nicht mehr die günstige Alternative ist, sondern in vielen Disziplinen der Maßstab. Bemerkenswert ist dabei, wie unterschiedlich die Wege der Nutzer hierher waren: Die einen kamen über das Studium, wo KiCad die Lizenzkosten-Diskussion beendet hat. Andere über den Frust mit Cloud-Zwängen kommerzieller Anbieter. Die größte Gruppe der letzten Monate sind Umsteiger, deren bisheriges Werkzeug schlicht abgeschaltet wurde, und die jetzt feststellen, dass der erzwungene Wechsel ein Upgrade war. Die Kombination aus 32 Kupferlagen, integrierter SPICE-Simulation, 3D-Viewer und einem Ökosystem aus tausenden Bibliotheken deckt inzwischen Anforderungen ab, für die vor zehn Jahren fünfstellige Lizenzbudgets nötig waren. Für eine Software, die vor fünfzehn Jahren als Bastler-Werkzeug belächelt wurde, ist das eine bemerkenswerte Entwicklung, und für alle, die gerade ihre Werkzeugkette neu sortieren, ein guter Grund, hier anzufangen.